HIER-HIBAKUSHA*

Ich war damals 9. Wir waren jeden Tag draußen in den hüfthohen Wiesen & am Bach spielen & sollten da plötzlich von einem Tag auf den anderen nicht mehr rein. Nach einem Tag Pause waren wir Kinder trotzdem wieder drin…im Morgentau bzw. in den Resten des Regens tags zuvor. Tage oder Wochen später wurde der Sand im Spielplatz am Hangelesbach ausgetauscht. Woher aber der neue Sand kam & wohin der alte gebracht wurde, wusste niemand. Vielleicht hat man damit dann im Winter heimlich die Straßen gestreut…das war & blieb die einzig sichtbare Veränderung. Und dass man Nahrungsmitteldosen hortete von vor dem Unglück. Die waren aber auch irgendwann verbraucht.

Dann erschien Gudrun Pausewangs getriebenes Buch „Die Wolke“, das man an der Schule gelesen hat. Die Schilderungen darin versetzten uns in blankes Entsetzen, in größtmögliche Hilflosigkeit & ließen uns fragen, warum niemand etwas dagegen unternommen hatte, warum man überhaupt solche Monstren erschaffen hat, wohlwissend um deren Gefahr bei Verlieren der Kontrolle darüber. Für Politik hatten sich Kinder damals noch nicht zu interessieren. Man vertraute als Kind auch auf „die Politiker da oben“, denn die waren halt da & es würde schon alles gutgehen und wieder gutwerden.

Bunte „Atomkraft – nein danke“-Aufkleber wurden an den Schulen verteilt & waren damals der Hit, aber wir konnten diese Aufkleber als Kinder dennoch noch nicht mit den von außen doch harmlos vor sich hindampfenden Reaktoren in der Nähe in Verbindung bringen. Wir wähnten uns trotz allem in Sicherheit: wir doch nicht, hier doch nicht. Nicht bei uns. Man roch nichts, man sah nichts, man spürte nichts von diesen unsichtbaren freigesetzten bösen Atomen, die vielleicht auch schon längst in uns waren & sich dort eingenistet haben. Möglicherweise auch eine Erklärung für die auch bei uns gestiegene Zahl Krebstoter & Krebserkrankungen…

Jahre später spielte ich am PC den Ego-Shooter „S.T.A.L.K.E.R. – Call of Pripyat“, in dem man sich in jenem verseuchten Gebiet um den Tschernobyl-Reaktor auf Mission begab. Man traf dort Überlebende, die es sich in dieser Zone eingerichtet haben…man erhielt von ihnen Questen: einen verlaufenen Hund zurückholen zum Beispiel. Der eigentliche Kern des Spiels aber war das Nacherleben jener unglaublichen Trostlosigkeit, jenes Umherirren in menschenleeren Gebieten, jenes Begehen verlassener Wohnungen, das Wahrnehmen von zurückgelassenem Spielzeug auf Spielplätzen mit Schaukeln, die sich im leichten Wind bewegten. Diese Leere, die sich nicht in Worte fassen ließ. Und das Wissen um echte Menschen, die in den echten Reaktor geschickt werden, etwas zu reparieren, das echt unreparabel ist. Für mich war das wie eine Art Aufarbeitung von etwas, das hierzulande stark verdrängt worden war.

Die Menschen leben & verdrängen bis heute & werden trotzdem fröhlich & vergnügt am 1. Mai wieder an der Donau entlangradeln, im Hintergrund die friedlich dampfenden Türme von Gundremmingen.

* In dem vor allem in Deutschland populären Roman „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang bezeichnen sich die Opfer eines (fiktiven) Atomunfalls ebenfalls als Hibakusha. In der Realität ist diese Bezeichnung jedoch nur für die Opfer der beiden Atombombenabwürfe üblich, eine solche Übertragung der Bezeichnung auch auf die Opfer ziviler Atomtechnik, z. B. der Unfälle in Tschernobyl und Fukushima ist nicht erfolgt.

** Detail des zentralen Teils der Auszeichnung, die an die „Liquidatoren“ von Tschernobyl ausgegeben wurde. Er zeigt einen Blutstropfen und die Zeichen radioktiver Strahlung, Alpha, Beta und Gamma. Die Liquidatoren waren bei ihrer Arbeit einem hohen Maß an Strahlung ausgesetzt. Viele von ihnen starben. © Lamiot (wiki commons).

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