Eine weitere Geschichte aus der Hoimât. Wirklich Geschichte. Von meinem Zimmer in meinem Elternhaus blickt man über Wiesen, den Hangelesbach (Erlenbach), über Gersten-, Mais- und Rapsfelder bis hinauf zum Waldrand. Viel Wald ist nicht mehr übrig, da Tief Lothar vor etlichen Jahren dort gewütet hat und Wiederaufforstung seine Zeit braucht. Von meinem Zimmer aus bzw. von Garten und Terrasse habe ich eine direkte Blickverbindung zu einem alten, alten Ort und Kultplatz – einer sog. Kelten- oder Viereckschanze, die in die Zeit um 600 v. Chr. datiert wird. Sie wurde 1972 „entdeckt“, aber die alten Erbacher_innen und Bacher_innen wussten davon schon sehr, sehr lange. In den Folgejahren wurde sie wissenschaftlich untersucht, aber nicht vollständig ergraben.*

 

Blick vom Eingang der Straße zur Viereckschanze zum Erbacher Schlossberg
Blick vom Eingang der Straße zur Viereckschanze zum Erbacher Schlossberg
Blick vom heimatlichen Garten zur Viereckschanze
Blick vom heimatlichen Garten zur Viereckschanze

 

 

 

 

 

 

 

 

Letztes Wochenende war ich wieder dort, spazierte eine knappe halbe Stunde gemütlich übers Land – mit herrlichem Blick aufs Erbacher Schloss, das auf einem sehr alten, künstlich aufgeschütteten Berg (mit Geheimgang) thront, der einst perfekter Ausguck auch der Römer auf Donau und Wegenetz war. Diese Konstellation und dieser Blick von dort ist bedeutend – später mehr dazu.

Beim Ausbaggern der Donau wurde im Flusskies ein Bronzeschwert aus jener alten Keltenzeit entdeckt, das man heute im kleinen Heimatmuseum im Schloss anschauen kann. Es mutet seltsam an, dass nicht mehr gefunden wurde – möglicherweise zogen die ehemaligen Bewohner_innen weg und nahmen alles mit. Nur die Toten blieben; neben der Schanze wurden auch mehrere Gräber entdeckt, die aber nicht weiter untersucht worden sind.

Südliches Eck der Viereckschanze mit heutigem Straßenverlauf
Südliches Eck der Viereckschanze mit heutigem Straßenverlauf

Wenn man den Wald betritt, so auf einer alten Straße, die nach ca. 80 Metern direkt an die Südseite der Schanze heranführt; ihr markantes Eck fällt sofort auf. Ich kletterte die kleine Anhöhe hinauf und blickte direkt ins Zentrum. Das Viereck ist nicht ganz quadratisch, wie bei vielen anderen Schanzen beobachtet, sondern misst 94 auf 134 Meter. Vom Eck aus folgte ich den natürlichen Spuren im Wald, den Reh-Wegen, die quer durch das Viereck führten, recht diagonal durch, aber um die Mitte machten die Tiere einen Bogen. Oftmals wurde das Zentrum einer Schanze als Kultort gedeutet; Grabungen in vielen anderen Schanzen konnten das allerdings nicht wirklich bestätigen. Vielleicht ist Erbach eine Ausnahme: Während auf der Wiki-Seite der Keltenschanzen geschrieben steht, dass Schanzen „nur einen Zugang“ hätten, bestätigt die Erbacher Schanze diese Ausnahme, denn sie hat insgesamt mindestens zwei Zugänge: Auf der Hälfte jeder kurzen Seite liegt ein noch sichtbarer Zugang.

Inneres der Viereckschanze mit "Elfengras" - hinten deutlich zu sehen ein Wall der Schanze
Inneres der Viereckschanze mit „Elfengras“ – hinten deutlich zu sehen ein Wall der Schanze

Die Fauna und Flora in der Schanze ist ebenfalls interessant, denn sie ist nicht homogen. Der Waldboden im Süden ist teils bedeckt mit „Elfengras“ (Eigenname von mir – damit bezeichne ich Gras, das hellgrün und zart wächst und sehr gehegt aussieht, obwohl es niemand Menschliches zu pflegen scheint), die Nordseite ist ein kleines Buchenwäldchen – als stünde man in zwei völlig verschiedenen Gegenden. Dazwischen stehen Bäume, die mich an die ehemaligen Bewohner_innen erinnern, die dort noch immer zu stehen und zu warten scheinen. Ich setzte mich nahe der Mitte auf einen Baumstumpf und lauschte eine Weile mit geschlossenen Augen dem Wald und dem flüsternden Wind.

Inneres der Viereckschanze mit Buchenwäldchen - ebenfalls im Hintergrund der Wall zu sehen
Inneres der Viereckschanze mit Buchenwäldchen – ebenfalls im Hintergrund der Wall zu sehen

Dann dachte ich nach: Letztes Jahr an Ostern besuchte ich die legendäre Heuneburg, ebenfalls direkt an der Donau in der Nähe von Riedlingen gelegen. Die Heuneburg hat eine direkte Blickachse zum Bussen, dem sog. heiligen Berg Oberschwabens. Dieser ebenfalls in Keltenzeit aufgesuchte Berg wurde zwar vom christlichen Glauben okkupiert, aber dort befand und befindet sich noch immer ein Kraftort: Der Berg wird bevorzugt von Frauen aufgesucht, die Probleme haben, Kinder zu bekommen. Den Sagen und Geschichten nach hat die Kraft im Berg schon vielen Frauen helfen können.

Nordzugang der Viereckschanze
Nordzugang der Viereckschanze

Bei schönem Wetter sieht man den Bussen auch vom Erbacher Schloss aus, und das Schloss sieht man von der Schanze aus (bzw. muss man sich die Bäume wegdenken, denn die Schanze war wohl einst gerodet gewesen) – eine perfekte und weitreichende Achse für Lichtsignale! In der Nähe von Erbach fand man in den 1980er Jahren auch ein großes Keltendorf bei Eggingen – möglicherweise eine Verlängerung dieser Achse. Und gleich hinter Eggingen beginnt das Hochsträß – von dort hat man einen weitestmöglichen Blick in den gesamten südlichen Donauraum mitsamt der Alpenkette.

Welche Geheimnisse der Wald wohl noch birgt bei noch genauerem Nachspüren?

 

* Siehe Grabungsbericht in Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg, Jahrbuch 1985.

 

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